Anbetung in einer gewalttätigen Welt

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Ich wurde gebeten, zu Ihnen über die Anbetung in einer gewalttätigen Welt zu sprechen. Als ob es jemals eine andere gegeben hätte. Es gab kein andere. Dem Einbrechen in unsere Mitte einer Ahnung von einer Welt des Friedens, die noch nicht die unsere ist, verdanken wir es, dass wir uns gewalttätigen ansehen und sie als „gewalttätig“ bezeichnen können, statt einfach als normal. Die Entdeckung dass Gewalt Gewalt ist, eine schreckliche Abweichung, für die auch wir Verantwortung tragen, anstatt ein Recht, ein natürlicher Aspekt der Ordnung aller Dinge, die uns einfach überkommt, ist eine äußerst komplexe Einsicht, deren Konsequenzen wir noch nicht wirklich überschaut haben.

Ich möchte heute einmal mit Ihnen zusammen überlegen, was es ist, das es Christen ermöglicht, ein grässliches Wort wie „Anbeten” aus der Welt der Gewalt anzunehmen; was wir meinen, wenn wir es verwenden; und auch, was wir denn im Namen des „Anbetens” tun. 

Im Jahr 1215, machte das vierte Laterankonzil im Zuge der Verurteilung einer Meinung des Abts Joachim von Fiore einen eindrucksvolle Bemerkung: 

„Zwischen Schöpfer und Geschöpf gibt es keine Ähnlichkeit, ohne dass diese von einer noch größeren Unähnlichkeit begleitet wäre.“ [1]

Diese Bemerkung, die oft salopp als „major dissimilitudo” bezeichnet wird, ist viel bedeutender, als das zunächst erscheint. Sie ist eines der bedeutenden Bollwerke gegen die Idolatrie in der westlichen Kirchentradition. Sie bedeutet zum Beispiel dass, wenn wir das völlig normale heidnische Wort „Gott“ aufgreifen, das wie „Theos” von „Zeus” abstammt und Teil der Gewalt ist, die den Kult der Gottheiten kennzeichnet, und wir es dann auf den Vater unseres Herrn Jesus Christus anwenden, dass dieser einem „Gott“ viel unähnlicher ist, als dass er ihm ähnlich ist. Wenn Sie so wollen ist das Wort „Gott“ ein äußerst irreführender Ausgangspunkt, um von Gott zu sprechen, aber es ist auch der einzige, der am wenigsten unzureichend ist.

Ich möchte einmal behaupten, dass die Bedeutung dieser Feststellung nicht einfach ist, dass es sich hier um eine intelligente philosophische Idee darüber handelt, wie rationale Kreaturen mit der Sprache umgehen, sondern dass dahinter ein sehr sehr wichtiger theologischer Gedanke darüber steht, wie es aussieht, wenn rationale Kreaturen von Gott angesprochen werden, der kein Objekt unseres Universums ist und über den in unseren Sprachen zu sprechen in großem Maße unangebracht ist.

Der Gedanke einer „größeren Unähnlichkeit” setzt voraus, dass Gott uns so sehr mag, dass er im Laufe der Zeit in unserer Mitte einen Weg dahin eröffnet hat, das Chaos, in dem wir leben, zu entwirren, und zwar noch bevor wir uns darüber bewusst waren, dass es ein Chaos ist; und er lud uns dazu ein, an Gott teilzuhaben, auf der gleichen Ebene, auf der wir leben, indem wir gemeinsam etwas völlig anderes erschaffen. Es ist dieses „uns selbst inmitten des Chaos mögen”, das es uns ermöglicht, von einer „major dissimilitudo" zu sprechen, denn es bedeutet, dass Gott uns von unserem Ausgangspunkt an annimmt, mit unseren Worten über Gott und Anbetung und Opfer und Liebe, und es uns ermöglicht, aus ihnen etwas ganz anderes zu machen, etwas, das nicht voll von der Angst ist, der Ambivalenz, der Gewalt und dem Wahnsinn, die diese Worte in ihrem gewöhnlichen Sprachgebrauch kennzeichnen. Wir sind dann in der Lage, sie in etwas umzuwandeln, was selbst den Worten viel ungleicher ist, als dass es ihnen gleich ist, aber wir stellen fest, dass wir nicht etwa lügen, wenn wir sagen, dass sie z. B. der wahre Gott, das wahre Anbeten, das wahre Opfer, die wahre Liebe sind. 

Ich möchte vorschlagen, dass es ein gute Kurzbeschreibung für diesen Prozess gibt, bei dem uns jemand von dort wo wir gerade sind aufnimmt und langsam und behutsam unsere Einstellungen und Denkstrukturen aufbricht, angefangen von denen, in denen wir uns befinden, und uns völlig neue Einstellungen und Denkstrukturen gibt, so dass es von dem „neuen Ort” aus erscheint, als ob wir uns an einer ganz anderen Stelle als vorher wiederfänden, obwohl doch in der Tat eine wahre, organische Kontinuität zwischen alt und neu vorliegt. Die Kurzbeschreibung ist „Subversion von innen heraus“, und ich möchte die Behauptung aufstellen, dass der theologische Begriff „Analogie”, der dem Konzept der „major dissimilitudo” entspricht, mit dem anthropologischen Prozess der "Subversion von innen heraus” Hand in Hand geht. Anders ausgedrückt, erst wenn es eine rationale Möglichkeit gibt innerhalb des Prozesses zu stehen, mittels dem die wahre Bedeutung des Wortes von seiner gewöhnlichen Bedeutung getrennt werden kann, können wir den Platz der „major dissimilitudo” einnehmen und dann beginnen, auf eine Art zu sprechen, die nicht über die wahre Bedeutung der Worte „Gott,”, „Anbetung”, „Opfer” usw. in die Irre führt. 

Und jetzt möchte ich auf die Frage nach „Anbetung in einer gewalttätigen Welt“ zurückkommen. Wenn meine Ausführungen richtig sind, dann können wir die Frage nun anders ausdrücken: die Anbetung ist ein völlig normaler Teil des Lebens in einer gewalttätigen Welt, und sie ist Teil ihrer Gewalt. Die wirklich interessante Frage ist: wie sieht diese „Subversion von innen heraus“ aus, und wie geschah sie; auf diese Weise kommen wir dann an den Punkt, an dem wir über die Wahre Anbetung des Wahren Gottes sprechen können. Und hier ist der Haken: wenn die Wahre Anbetung des Wahren Gottes so aussieht, wie die Anbetung einer Gottheit, oder wenn sie eher als eine solche erscheint, als nicht als solche zu erscheinen, dann haben wir uns zum Narren gehalten. Wir sind den Prozess des mit der „major dissimilitudo“ Lebens umgangen und wir haben uns daher die Subversion des gewöhnlichen Verständnisses von innen heraus nicht erlaubt. Kurz gesagt , wir waren faul und gaben uns mit dem bereits Bekannten unter einem neuen Namen zufrieden.

Und so lade ich Sie heute Abend dazu ein, bei einem kleinen Versuch mitzumachen, den Platz der „major dissimilitudo“ einzunehmen, der Absonderlichkeit, der Unähnlichkeit, der Überraschtheit dessen, was man unter christlicher Anbetung versteht, in der Hoffnung, dass wir inmitten dieser Absonderlichkeit in die Lage versetzt werden, etwas besser zu verstehen, was wir tun, wenn wir „anbeten“.

Ein bequemer Aufhänger für meine Gedanken ist das, was ich in Erinnerung an den Reichsparteitag „Nürnberg“ und „nicht-Nürnberg“ nennen möchte. Ich sollte hier vielleicht festhalten, dass ich den Reichsparteitag nur deshalb als Beispiel wähle, weil so viele verschiedene Elemente der Anbetung in diesem einen Beispiel zusammenfließen. Wir könnten die gleichen Bestandteile auch an anderen Orten finden, wie Fußballspielen, dem sogenannten Celebrity Kult, Raves, schikanierendem Einführungsritualem, Verkaufsstrategien für Zeitungen usw. Ich wähle den Nürnberger Reichsparteitag nicht deshalb aus, weil er besonders schrecklich ist, sondern weil er sich so günstig anbietet. Die liturgischen Veranstalter der Reichsparteitage wussten genau, was sie taten, und sie taten es erstaunlich gut. Man bringt die Menschen zusammen und man vereint sie in der Anbetung. Es gibt regelmäßige, rhythmische Musik und es wird marschiert. Man sorgt dafür, dass viele Menschen in Uniform dabei sind, Menschen, die bereits einen Teil ihrer Individualität verloren haben und zu Symbolen geworden sind. Es werden Lieder gesungen. Die Leute werden mit einem Grund für ihre Zusammenkunft aufgebaut, einem Grund, der auf einer gemeinsamen Rasse basiert. Man peitscht sie mit Geschichten von vergangenem Leiden und Erinnerungen an vergangene Verwirrungen auf, als sie unter irgendeiner ihnen auferlegten Schande leiden mussten, deren Auswirkungen sie immer noch benachteiligen. Man lässt sie warten und die Atmosphäre heizt sich auf. Langsam aber sicher werden die Menschen gelöster. Die, die normalerweise eher reserviert sind, werden leidenschaftlich, unfreundliche Nachbarn sehen sich mit einem neuen Bewusstsein der wachsenden Zusammengehörigkeit an. Dann, nach dieser Vorbereitung, erscheint der Führer, vorzugsweise per Hubschrauber oder Flugzeug, das von der langsam aufbrausenden Menge bereits erblickt wurde, und kurz darauf kommt es zur Verklärung, zur Apotheose, und er befindet sich unter ihnen. Sie sind alle bereits von ihm gefesselt, dafür sorgte das Warten, sie sind vereint in ihrer Faszination von diesem außerordentlichen Menschen, dem sie die Aufgabe übertrugen, ihr Oberliturg zu sein. Und er enttäuscht sie nicht. Mit einigen geschickten Worten und Gesten beschwört er die Stimmung der Anwesenden herauf, weist auf die riesige Versammlung als Zeichen einer neuen Einigkeit, die die Schmerzen und Demütigungen der Vergangenheit überkommt, Schmerzen und Demütigungen, die von Ferne von Feinden verursacht wurden, sowie, was noch viel wichtiger ist, von leicht identifizierbaren Feinden ganz in der Nähe. Mehr muss er dazu nicht sagen. Aber niemand wird sich dem heroischen Sieg in den Weg stellen, der sich durch diese Versammlung, diese außergewöhnliche Einstimmigkeit ankündigt. Einem Sieg, der Vorbote einer neuen Weltordnung ist, einer Welt ohne diese Feinde, eine Welt, in der nur die Guten und Reinen, eben alle wie die hier versammelten, übrig sind. Der Führer kann sogar Gott danken, dessen Fürsorge es ihm, unwürdigem Diener des Volkes, erlaubte, sein Leben aufopferungsvoll für sein Volk einzusetzen und sie in mühevoller täglicher Arbeit in diese neue Welt zu geleiten. Inzwischen ist die Menge natürlich außer sich, vereint in Liebe und Anbetung ihres Führers, und selbstverständlich bereit, zu tun, worum immer er sie auch bittet. Auch wenn es ihnen nicht bewusst ist, bleibt auf dem Heimweg noch ein Teil des Zaubers des Tages an ihnen haften. Sie sehen den Juden auf der anderen Straßenseite in einem etwas anderen Licht. Er hat in ihren Augen an Persönlichkeit eingebüßt und wurde zum Vertreter dessen, was der Führer ihnen suggerierte. Sie sind etwas näher daran, bei seinem Verschwinden die Augen zuzudrücken und zuzustimmen, dass der alte Schuster Silberstein in der Tat eine Bedrohung der Allgemeinheit darstellte. Der Vergöttlichung des Einen gegenüber steht die Dämonisierung des Anderen, die die Entmenschlichung aller bedeutet.

Und das ist es, was ich unter der Anbetung verstehe. Sie ist eine gefährliche, entmenschlichende Sache.

Und jetzt sehen wir uns Stück für Stück die Version nicht-Nürnberg an. Da ist zunächst einmal die Frage, wer „die“ sind, die unsere Teilnahme am nicht-Parteitag wünschen und warum sie sie wünschen. Bei den Reichsparteitagen waren es die Parteioffiziere, für die das Gefolge nur insoweit interessant war, als es dazu beitrug, die Parteioberen an der Macht halten und reich zu machen. Die „Gläubigen“ mussten dazu gebracht werden Dinge zu tun, oder Dingen zuzustimmen, denen ruhige und wenig begeisterte Menschen nicht unbedingt zustimmen. Es wurden ganz spezifische Begehren angesprochen und die Gläubigen wurden dazu angespornt, diese zu ihren eigenen zu machen. Im nicht-Nürnberg Szenario liegt etwas ganz anderes vor: bei den „die“, deren Begehren die Gläubigen zu den ihren machen sollen handelt es sich um niemand anderen als Gott, der dieses Begehren offenbarte. Gott ist nicht daran interessiert, dass wir ihn um seinetwillen anbeten; er benötigt weder unsere Anbetung, noch unsere Bewunderung, unser Lob und unsere Verherrlichung. Unsere Anbetung schmeichelt weder einem göttlichen Ego oder garantiert keine Stabilität, noch wehrt sie irgendeine drohende Launenhaftigkeit ab. Nein, die einzigen, für die die Anbetung Gottes wichtig ist, sind wir selbst. Es ist ganz allein zu unseren eigenen Gunsten, dass uns geboten wurde, Gott anzubeten, denn wenn wir das nicht tun, sind wir anderen Formen der Anbetung gegenüber völlig schutzlos preisgegeben. Wir erlauben es dann, dass unsere Herzen von den Begehren des widersprüchlichen sozialen Anderen geformt werden, das um uns herum besteht. Letztendlich beteiligt sich unser eigenes Herz dann schließlich an seinem eigenen Herzschmerz und seiner Selbstzerstörung. Das Bestehen auf Anbetung und auf Gebet gleicht also weniger einer Forderung nach Schmeichelei, sondern vielmehr jemandem außerhalb der Mauern eines Gefängnisses, der uns, die wir glauben in einem Schloss zu leben, sanfte Hinweise auf die Realität gibt und uns aufzeigt, wie wir einen Tunnel bauen können, der uns aus dem Gefängnis befreit. 

Anders ausgedrückt, ist das Wahre Anbeten auf unser eigenes Gutes gerichtet, nicht auf das von irgendjemand anderem. Es ist ein schrittweiser Prozess, bei dem jemand, der uns wirklich mag, uns mitten auf einem Nürnberger Reichsparteitag anspricht und uns langsam aber sicher zu Sinnen bringt und es uns ermöglicht, aus Nürnberg herauszutaumeln und wegzulaufen, erstaunt darüber, worin wir eingebunden waren und schockiert über das, was wir aufgrund unseres Eingebundenseins getan haben, oder noch getan haben könnten. Das Lernen, Gott zu verherrlichen und ihn zu preisen ist der Anfang der Freisetzung unserer Vorstellungskraft vom Schicksal, von Mythen, von unvermeidlichen Kräften und von historischen Ressentiments. Es befreit unsere Fantasie davon, angebunden zu sein, eingebunden, unvermeidlich, von der Unterordnung an die Macht, davon, einfach mit dem Strom zu schwimmen. Es ist die Entgiftung unserer vom Reichsparteitag geprägten Vorstellungskraft. Betenzulernen bedeutet, dass uns beigebracht wird, wie wir im Laufe der Zeit ein anhaltendes, aufbauendes Begehren erhalten können, das das Begehren von jemandem nachahmt, der uns mag, und nicht das kurzfristige, biegsame Begehren von jemandem, für den wir nur ein Mittel zum Zweck sind. Weil wir nicht wissen, was wir begehren und weil unser Begehren nicht stark genug ist, wurde uns aufgetragen unaufhörlich zu beten, damit unser Begehren gestärkt werden und vereinfacht werden kann, statt widersprüchlich und herabsetzend zu sein. Anders ausgedrückt, uns wird eine Art des Begehrens gegeben, die es uns möglich macht, nicht vom sozialen Anderen bewegt zu werden, sondern die uns statt dessen befähigt, Schöpfer eines ganz anderen sozialen Anderen zu werden.

Zweitens, und natürlich damit verbunden, ist die Wahrnehmung einer Anbetung die, anders als die Nürnberger Parteitage, nicht auf einen bestimmten Zeitpunkt und Ort begrenzt ist. Die wahre Anbetung des wahren Gottes ist zunächst einmal das Lebensmuster von im Laufe der Zeit gelebtem Leben; Leben, dessen Geschichte das Verlassen der Welt der Fürstentümer und Gewalten ist, um langsam, im Laufe der Zeit vom wahren Gott inmitten der Welt zeugen, indem man lebt, als ob es den Tod nicht gäbe, und damit auf eine Weise, bei der man weder vom Tod beeinflusst ist, noch von den Kulturkräften, die zum Tod führen und vom Tod abhängen. Anders ausgedrückt, der wahre Gott bewirkt wahre Anbetung nicht dadurch, dass er zunächst Kundgebungen organisiert, um uns für eine Großtat zu begeistern. Nein, der wahre Gott bewirkt wahre Anbetung indem er uns im Laufe der Zeit in einen Prozess einführt, der unser Begehren und damit unsere Herzen und unsere Art miteinander umzugehen, völlig umstellt. Durch diese schrittweise Einführung in den Prozess der Umgestaltung unseres Begehrens, vermittelt uns der wahre Gott die Gewöhnung an den Prozess, indem wir an den Zeichen dessen zu dem zu werden wir berufen sind teilnehmen; diese Teilnahme ist ein sicheres Beginnen und eine Entwicklung dieses Werdens.

Anders ausgedrückt, um uns zu den Lebensmustern zu verhelfen, die die wahre Anbetung des wahren Gottes darstellen, hilft Gott uns dabei, dass wir lernen, diszipliniert die Anbetung zu pflegen, die uns dann in die richtige Richtung weist. Beachten Sie bitte, was das bedeutet. Es bedeutet, dass jede liturgische Handlung, jede Anbetung etwas ist, das uns auf unserem Weg hilft. Sie ist nicht etwa Selbstzweck. Sie ist, wenn Sie so wollen, eine zu erlernende Disziplin, die uns dabei hilft, die kreative Lebensgeschichte, die wir allmählich und geruhsam erhalten, vollständiger zu „bewohnen“, wobei wir die Welt der „Anbetung“, die Welt der Fürstentümer und Gewalten verlassen. Anders als die Nürnberger Reichsparteitage soll sie uns nicht aus unserem normalen Leben herausholen, sondern es uns ermöglichen, freier und kreativer in diesem normalen Leben zu verweilen. Sie ist eine lebenslange Therapie für ein verzerrtes Begehren. Denken Sie bitte daran, was für ein bedeutender Aspekt des Frühchristentums dieses Zeugnis darstellt. Alle Evangelien zeugen davon, dass Jesus auf diese und jene Art den Tempel von innen heraus untergrub und seinen eigenen Körper und sein eigenes Blut zu einem Geschenk machte, dass überall dort wo zwei oder drei versammelt sind gefeiert werden kann, die Anbetung des neuen Bundes. Sämtliche Funktionen des Tempels, in erster Linie Glaube, Gebet und Vergebung, sind in interindividuellen Beziehungen zwischen Menschen auszuleben, wo immer sie sein mögen (Markus 11:23-25). Wenn wir die „major dissimilitudo“ aufgeben, erlauben wir den Rückfall der christlichen Anbetung in die Tempelverehrung und schlimmer. Erst wenn wir uns an die „major dissimilitudo“ erinnern können unsere Liturgien Teil unserer Erfüllung der Prophezeiung des Herrn an die Frau aus Samaria werden:

„Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden. Aber die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden. Gott ist Geist und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Johannes 421-24)

Es kommt ja meiner Meinung nach nicht von ungefähr, dass die Reinigung des Tempels und die Vorhersage seiner Zerstörung im Johannesevangelium ganz zu Anfang stehen. Jesu Lehre über das eucharistische Brot des Himmels, dank dem wir in den neuen Tempel eingebracht werden, der sein Leib ist, findet in der Form einer Meditation über das Manna vom Himmel statt, der Nahrung, die uns für unseren Weg gegeben ist. Ein liturgischer Akt ist eine Zwischenstation auf einer Reise und sollte auf das Verweilen innerhalb dieser Reise hinweisen. Es ist eine Einführung ein eine vertieft bewohnte, bewusstere und freiere Schöpfung dieser Reise, die selbst die Verwirklichung des Himmelsreichs auf Erden bedeutet, und nicht etwas ein zeitweises Herausholen aus der Reise, um an etwas Ekstatischem teilzunehmen. 

An dritter Stelle möchte ich Sie bitten, den Unterschied zwischen dem Erfolg der Reichstagsanbetung und dem fehlenden Erfolg der Wahren Anbetung zu bedenken. Der Sinn und Zweck eines Reichsparteitags war die Schaffung eines Gefühls der Zusammengehörigkeit, einer neuen Zugehörigkeit, um so etwas Zukünftiges zu inspirieren. Erstaunlicherweise hat die Wahre Anbetung nichts davon. Sie erreicht, in diesem Sinne, überhaupt gar nichts. Und zwar aus einem eindrucksvollen Grund, der uns an sich schon Anlass zur Nachdenklichkeit über diese merkwürdige Art der Anbetung geben sollte. Christliche Anbetung zeichnet sich durch das Verständnis aus, dass es nichts mehr zu erreichen gibt. Es wurde bereits ein für alle Mal erreicht. Der Kampf ist vorüber; das Himmelsreich wurde eingeführt und gewonnen. Ich bin immer fasziniert davon, wie schwer es für uns ist, innezuhalten und dies lang genug zu erfahren. Wir bauen uns nicht für etwas auf, das geschehen wird, sondern wir werden in den Jubel über etwas aufgenommen, der aus etwas entsteht, das bereits geschehen ist.

Um sich diese besser vor Augen zu führen erinnern Sie sich bitte einmal an das Jahr 1989. Und nun stellen Sie sich vor, dass Sie sich in Albanien befinden. Es wird November und aus den Nachrichten erfahren Sie, dass viele viele Kilometer weiter nördlich in Berlin die Mauer gefallen ist. Sie wissen ganz genau, was das bedeutet: es bedeutet, dass nun alles vorüber ist. Die Bestie, die Ihr Leben bestimmte, ist tödlich verwundet. Sie hat ihre Transzendenz verloren, sie ist tot. Der Sieger steht schon fest. Es kann noch eine Weile dauern, bis die sich im Todeskampf windende Bestie ruhig wird. Es kann noch eine Weile dauern, bis die Auswirkungen dieses Todeskampfes sich in Ungarn, in der Tschechoslowakei und in Jugoslawien bemerkbar machen, aber grundsätzlich ist es nun vorbei. Sie und Ihre Freunde fangen an still in Albanien zu tanzen und zu feiern. Allein die Tatsache, dass sie tanzen und feiern ist nicht nur ein Zeichen dafür, dass die Bestie ihre Transzendenz verloren hat, sondern sie ist auch etwas, was den Verlust der Transzendenz vorantreibt, denn Sie können in ihrem Angesicht Ihre Party feiern. Etwas wurde aufgelöst, an einem anderen Ort, und das bedeutet, dass Sie es nicht mehr selbst auflösen müssen. Die Freude an der bereits erfolgten Auflösung ist Teil dessen, was die Auflösung dann allgemein verbreitet, so dass Sie selbst auch an der Auflösung teilhaben, aber als ein Empfänger, der ihre Auswirkung weiter verbreitet.

Manche Leute können natürlich nicht akzeptieren, dass der Fall der Mauer den Tod der Bestie bedeutet. Sie möchten sagen: Nein, es handelt sich hier um eine kurze Unterbrechung, und wir haben hier das Sagen. Und so kommen sie grunzend und schreiend und herrisch hervor und versuchen alles so aussehen zu lassen, als ob sich nichts geändert hätte. Es hat sich aber geändert, und so verlieren selbst sie das Vertrauen an die alte Ordnung. Ein Teil des Feierns könnte sein zu Lernen, wie man den Apparatschiks der alten Ordnung dabei helfen kann, einen Platz für sich in der neuen Ordnung zu entdecken. So ermöglicht man ihnen eine weiche Landung: etwas, was die auf Revanche und Triumph über die Feinde aufgebaute alte Ordnung unmöglich verstehen kann. In ihrer Gegenwart sieht es natürlich so aus, als ob Sie im Gegensatz zur Beweislage feiern, ein Eindruck, den ihre Gegner noch verstärken. Genau das ist es, was die Wahre Anbetung impliziert: den Beginn der Feier eines neuen Regimes selbst wenn das alte Regime die Nachricht seines eigenen Untergangs noch nicht verstanden hat. Ein für mich amüsante Beispiel in meiner eigenen Kirche ist der Beginn der Feier über die gute Nachricht, dass wir homosexuelle Menschen, gerade so wie wir sind entdecken, dass wir bereits auf der Party sind, und dass wir mit den Grenzsoldaten des alten Regimes sanft umgehen müssen, da sie noch nicht in der Lage sind zuzugeben, dass der Mauerfall nicht nur etwas war, was vor langer Zeit zwischen Juden und den anderen Völkern stattfand, sondern dass die Mauer auch weiterhin fällt, wie sehr sich die Apparatschiks auch bemühen mögen, sie zu flicken und die Menschen in Reine und Unreine aufzuteilen.

Ich möchte an dieser Stelle einmal innehalten und die fundamentale Stellung des „wurde bereits erreicht" in der christlichen Lehre betrachten. Gefeiert wird diese Lehre anlässlich des heutzutage stark unterschätzten Fests Christi Himmelfahrt. Es ist unsere Art der Beschreibung, dass bereits alles vorüber ist, das gekreuzigte und auferstandene Lamm ist bereits im Himmel. Sein Hochzeitsschmaus hat bereits begonnen. Der Himmel ist nun unwiderruflich und ewiglich ein einer sich immer weiter vom Altar des Lammes ausbreitenden Bewegung mit der menschlichen Lebensgeschichte verknüpft. Und es gibt nichts, was wir dagegen tun können! Es ist bereits geschehen. Wenn wir wollen können wir uns wie die Apparatschiks des alten Regimes verhalten und so tun als ob nichts passiert wäre, aber dann merken wir, dass wir selbst immer und immer weniger von unserem Dichtmachen der Schoten überzeugt sind und es verwirrt uns zu merken, dass andere Menschen unsere heilige Pflicht ohne großen Kummer tolerieren, weil sie selber bereits auf dem Weg woanders sind und wissen, dass dieses Woanders unvermeidlich auch hierher kommt.

Mein vierter Punkt ergibt sich direkt daraus. Im Nürnberger Modell muss die zentrale Apotheose sorgsam geplant werden, ein bewusster Aufbau von Faszination und mimetischer Intensität in der anbetenden Menge, so dass der Führer in ihren Augen tatsächlich eine Aura und eine Göttlichkeit erwirbt. Bei der Wahren Anbetung gibt es in der Folge dessen, was ich bereits darüber sagte, dass das Erreichte schon erreicht wurde, keine herzustellende Apotheose, kein Aufpeitschen der Gefühle, damit wir das gekreuzigte und auferstandene Lamm flüchtig erblicken können. Genau umgekehrt. Ein Teil der Auswirkung des bereits erreichten Erfolgs ist dass das gekreuzigte und auferstandene Lamm einfach da ist. Das scheint mir ein zentraler Aspekt der Wahren Anbetung zu sein. Wahre Anbetung setzt voraus, dass der gekreuzigte und auferstandene Herr einfach da ist. In seiner Ansprache anlässlich seiner kürzlich erfolgten Einsetzung als Erzbischof von Canterbury beschrieb Roman Williams den Augenblick, als er in einem orthodoxen Kloster einige stille Tage verbrachte und in eine kleine Kapelle geleitet wurde, in der sich eine nicht besonders distinguierte Ikone befand. Als er sie betrachte erfüllte sie sich plötzlich für ihn mit Leben dass der gekreuzigte und auferstandene Jesus einfach da war. So können wir entspannt sein, weil wir wissen, dass er einfach da ist. Und Entspannung ist genau das Gegenteil eines mimetischen Aufbaus von Faszination.

Wenn wir uns nicht genau in diesem Teil der „major dissimilitudo“ befinden, sind wir geneigt zu glauben, dass wir die Liturgie richtig ausüben müssen, damit dann etwas geschieht, und dann wird Er da sein. Das Gegenteil trifft zu. Weil Er einfach da ist, ist unsere Liturgie eine geordnete und entspannte Art, uns selbst regelmäßig als betende Gruppe dem gegenwärtig zu machen, der einfach da ist, bereits von festlichen Engeln und unseren Vorgängern im Glauben umrundet. Es ist, wenn Sie so wollen, ein geplanter Entzug von unserer gegenseitigen mimetischen Faszination, der die einzige Möglichkeit darstellt, mit der wir den anderen Anderen, der einfach da ist und der uns schon die ganze Zeit lang zu dieser Party einlud, flüchtig erkennen können. 

Mein fünfter Punkt betrifft die Entwicklung der Einstimmigkeit und das Opfer. Bei den Nürnberger Reichsparteitagen gehört zum Aufbau ein Mythos in dem die versammelten Menschen sich selbst als Opfer darstellen. Sie sind es, die entsetzlich gelitten haben. Man erzählt ihnen eine Gesichte über sie selbst, in der sie eine schwere Zeit hinter sich haben, aber in der eine Vaterfigur kommt und sie in ein neues Reich mitnimmt. Die miserablen Feinde im Inneren, die glücklicherweise dank des Führers enttarnt wurden, werden ausgemerzt und das schwer geprüfte Volk wird in das gelobte Land einziehen. Es ist nun nicht fair von mir, mich hier weiterhin auf die Deutschen zu beziehen, wenn ich genauso gut Serbien, England oder jedes andere Land als Beispiel heranziehen könnte, denn die Geschichte ist immer ausnahmslos die gleiche. „Wir, das Opfer“ werden von unserem glorreichen Herrscher angeführt um über unsere Feinde zu triumphieren und das zu erwerben, was rechtmäßig uns gehört. Bei der Wahren Anbetung findet allerdings etwas ganz anderes statt, weil es bei der Wahren Anbetung keinen Versuch gibt, Einstimmigkeit unter denen aufzubauen, die sich schikaniert fühlen, und keine Verbreitung eines tröstenden Mythos. Im Gegenteil, die hier Zusammenkommenden tun dies nur in dem Maße, in dem sie sich aus den tröstenden Einstimmigkeiten herauslösen und die Mythen, die diese Lügen förderten erkennen und zurückweisen. Und es ist der Anführer, der sie zusammenbringt, der hier das Opfer ist, nicht die sich versammelnde Gruppe. Alle falschen Einstimmigkeiten, Zusammengehörigkeit, und Mythen der zusammengekommenen Gruppe werden durch ihr sich Annähern an den, auf dessen Kosten ihre Einstimmigkeit bestand aufgedeckt und weggeschält. Der Interpret, der ihnen ihre eigene Geschichte erzählt, ist derjenige, der sie mit ihrer eigenen Kollusion an einem Mythos konfrontiert; und er tut dies nicht, aus Konfrontationswillen, Hass oder Rache, sondern aus der Vergebung heraus.

Das eine wahre Opfer der christlichen Geschichte ist da, der eine, der den Platz der Schande und Schmach innehatte, weil er die mochte, die eine derartige Furcht vor dem Tod hatten, dass sie einen derartigen Ort schaffen mussten. Er mochte sie so gern, dass er ihnen ein Gedenkmahl hinterließ, damit sie, nachdem er getötet war und nachdem seine Wiederauferstehung seinen auserwählten Zeugen offenbart wurde, um zu zeigen, dass das Opfer ihnen zu ihrer Vergebung zurückgegeben worden war, sich daran erinnern konnten, dass er noch vor seinen Tod seine eigene Interpretation dessen, was er tat eingesetzt hatte, und damit sie sich daran erinnern konnten, dass er diesen Ort gerne für sie eingenommen hatte. Das bedeutet, dass es für all die, die sich vergeben lassen, weder Todesfurcht noch Schande mehr gibt und dass sie furchtlos den gleichen Weg gehen können, den er gegangen war.

Ich möchte diesen Punkt über die Erinnerung an das Opfer betonen, denn es ist genau die Umkehrung der Erinnerung daran, „wie wir zum Opfer gemacht wurden“. Die Erinnerung des Opfers, die für uns nur möglich ist, weil das Opfer vergebend ist, ist die Voraussetzung für die Möglichkeit Wahrer Anbetung. Die Wiederholung, das Üben der Erinnerung des Opferseins ist immer mythisch, immer eine Lüge, und immer Teil einer Anbetung, die eine Manipulation zu noch mehr selbstzerstörerischen Begehren darstellt. [2] Stets mit dem vergebenden Opfer konfrontiert zu werden bedeutet, stets dazu angehalten zu werden, keine Angst davor zu haben, die Wahrheit zu sagen und sich die Mythen wegnehmen zu lassen. Denn es ist eine Erinnerung daran, dass wir die sind, die Opfer einfordernden, wenn wir doch dachten, wir seien gut, heilig und gerecht, und dass wir das ja in Wirklichkeit gar nicht sein müssen. Anders ausgedrückt, die Gegenwart des vergebenden Opfers entleert uns immer mehr der Mythen und führt uns in die Wahrheit. Es gibt keine Wahre Anbetung, es sei denn in der Gegenwart des wahren Opfers, denn nur vom wahren Opfer kann die Stimme kommen, die die Lügen wegnimmt.

Das wiederum bedeutet, wie ich in meinem sechsten Punkt darlegen möchte, etwas sehr Merkwürdiges über die Art der Gruppeneinstimmigkeit, die bei der Anbetung in der Gemeinschaft entsteht. Im Nürnberg-Modell ist die Einheit das absolut Wesentliche der Anbetung und es ist eine Einheit, die durch den Verlust der individuellen Lebensgeschichte aufgepeitscht wird, so dass sie den Anschein einer kollektiven Person bekommt, angefeuert vom Mythos des Opferseins, auf eine immer neue Zukunft gerichtet und die, nachdem sie das lächerliche Hindernis erkannt hat, dieses töten muss, um ihre Einigkeit zu bewahren. In der wahren Anbetung herrscht jedoch keine derartige Einigkeit und Einstimmigkeit. Im Gegenteil, da jeder in einem neuen Zusammentreffen seine eigene Geschichte darüber durchläuft, wie er diese Kundgebungen verlassen hat, ist jeder grundsätzlich anders als die anderen. Und doch entwickelt jede persönliche Geschichte im Laufe der Zeit eine erstaunliche Ähnlichkeit mit der Geschichte dessen, der „welcher für die vor ihm liegende Freude das Kreuz erduldete, die Schande nicht achtete und sich zur Rechten des Thrones Gottes gesetzt hatte“ (Hebräerbrief 12:12).

Und doch ist sie in jedem historischen Detail unterschiedlich. In der Tat ist es in jeder Beziehung ein anderer kreativer Akt, denn es ist die individuelle Geschichte jeder einzelnen Person, und doch kann sie als eine respektvolle und flexible Vervielfältigung der immer gleichen Geschichte betrachtet werden. Und das bedeutet natürlich, dass alle unsere liturgischen Feiern von vornherein verzerrt sind, insofern sie darauf ausgerichtet sind Einstimmigkeit, ein Gefühl des Zusammengehörens und ein gemeinsames Gruppennarrativ zu erzeugen.

Beim Zelebrieren jeder einzelnen Messe wissen weder der Zelebrant noch die Teilnehmer, wo auf ihrer Lebensreise, wo in ihrem jeweiligen Erfahrens des Gewaschenwerdens ihrer Kleider im Blut des Lamms sich jeder der Mitglieder dieser Versammlung befindet, die alle unterschiedlichen Alters, Geschlechts, Familienstands, Berufsstands, Gesundheit, sozialer Stellung usw. sind, ad infinitum. Und da ist, und da sollte, keinerlei Versuch gemacht werden, die Subjektivität der Beteiligten zu beeinflussen und sie in eine Einheit des Fühlens zu treiben. Der Eine, der da ist, das vergebende Opfer selbst, zieht sie zu sich in seinen Kreis, alle, die da sind, und beginnt dabei genau da, wo sich jeder einzelne befindet, durch die Vergebung, die Gebete, die Lesungen, die Interpretation der Lesungen, so dass sie einen plötzlichen Rutsch, eine Veränderung in ihrer Wahrnehmung erfahren. Und dann vertraut das vergebende Opfer ihnen an, händigt sich selbst an sie aus, so dass sie im Laufe der Zeit zu ihm werden können und er zu ihnen. Das vergebende Opfer ist dabei ist dabei an einer enormen Schöpfung einer ganz anderen Art respektvoller Einigkeit engagiert, der keinerlei Notwendigkeit innewohnt, irgendeine Art von Einheitlichkeit zu schaffen, gemeinsamen Gefühlen oder all der Aufregung und Begeisterung, die mit derartigen Dingen einhergehen.

Wenn Leute mir sagen, dass sie die Messe langweilig finden, möchte ich ihnen antworten: sie soll langweilig sein, oder einen zumindest sehr kalt lassen. Es bedarf viel Übung, das das Nichtbegeistertsein zu lernen, denn nur das ermöglicht es uns, in einer ruhigen Glückseligkeit zu leben, die nicht von unserer Gegenwart, unserer Umgebung oder unseren Nachbarn ablenkt, sondern die unsere Aufmerksamkeit, unsere Gegenwart und unsere Wertschätzung unserer Umgebung stärkt. Der Aufbau auf ein Opfer hin ist aufregend, das Leben in Dankbarkeit, dass das Opfer bereits geschehen ist, dass uns für und durch dieses Opfer vergeben wurde, das ist, was das Begeisterungsempfinden angeht, eine lang gezogene Enttäuschung.

Mein siebter und vorletzter Punkt, obwohl ich doch denke, dass wir ihn weiter und weiterführen könnten, ist ein anderer Punkt über den Aufbau der Gruppe bei den Nürnberger Parteitagen. Einer der Punkte der Nürnberger Anbetung ist das, was ich eingangs die „Bruderschaft“ genannt habe. Man kann sagen, dass sich die Menge in ihrer Begeisterung langsam hochschaukelt, so dass sie eine besondere Wertschätzung, ja sogar Liebe für die anderen Anwesenden empfindet, eine tiefe Kameraderie, ein Gefühl des Einsseins mit den anderen und des darüber Entzücktseins, obwohl die anderen vor einigen kurzen Stunden noch völlige Unbekannte waren und in einigen weiteren Stunden wieder zu genau so Unbekannten werden. Teil der Anbetung ist das Gefühl, dass diese Liebe es einem ermöglicht, die langweiligen Banalitäten des Spezifischen, die belanglosen Irritationen, die Furchtsamkeiten, die Marotten und Eigenarten hinter sich zu lassen und sich stattdessen mit diesen Menschen vereint zu fühlen, die ein Außenstehender zwar als Unbekannte beschreiben würde, aber von denen Sie in diesem Moment schwören könnten, dass sie mit Ihnen durch ein besonderes und mystisches Verbundenheit verknüpft sind. Und diese Ekstase, diese ek-stasis, kann sehr überwältigend sein und süchtig machen.

Nun muss man sagen, dass all dies aus der Perspektive der wahren Anbetung reiner Ersatz ist. Die wahre Anbetung führt zu einer langsamen, geduldigen Entdeckung, dass man in der Lage ist, die Menschen mit all ihren Verschrobenheiten zu mögen und die Schönheit in all diesen Dingen zu sehen und nicht von ihnen zu abstrahieren. Genau so wie wahre Freundschaft Zeit benötigt, sich strecken, Zeit für Selbstbetrachtung und den Aufbau von Vertrauen sowie für Verletzlichkeit und einfach nichts Besonderes tun, sondern schlicht und einfach Zeit miteinander zu verbringen. Das ist Teil dieses Gefühls, dass wir nichts voreinander zu verbergen haben, wenn uns allen gemeinsam vom vergebenden Opfer vergeben wird. Dieses nicht-mehr Verstecken, diese Entdeckung, geht sehr langsam vonstatten. Anbetung erfordert das Unterdrücken des Spezifischen, da dies erforderlich macht, dass alle Beteiligten an einer Lüge teilhaben, die zu einer neuen Form der Einheit führt, bei der man ein neues Opfer schafft und wieder jemanden ausstößt. Alle an dieser Einheit beteiligten abstrahieren automatisch aufgrund der Tatsache, dass sie beteiligt sind von ihren persönlichen Geschichten und haben an einer Lüge teil, einer Sache, die über sie hinaus geht. Die Liebe, Freundschaft und wahre Bruderschaft, die mit und durch die wahre Anbetung kommen sind darin begründet, dass man allmählich die merkwürdige Schönheiten genießen kann, die man einfach aus ihrer selbst heraus und ohne einen weiteren externen Grund entdeckte. 

Ich hoffe, das mein letzter Punkt in meinem Versuch, in der „major dissimilitudo“ zu verweilen bevor meine Geschichte zu Ende ist, illustriert, wie meiner Meinung nach Anbetung in einer gewalttätige Welt aussieht. Bei der Anbetung, die der Welt geläufig ist, der Anbetung im Stil der Reichsparteitage, haben wir das Gefühl, dass wir Teil etwas sind, das größer und bedeutender ist, als wir, das uns umhüllt, das tröstlich ritualisiert ist und dessen Ausgang wir kennen. Es ist Teil der Schöpfung bzw. Neuschöpfung einer uns bekannten Ordnung. Es ist Teil des Gefühls zu wissen, das alles in Ordnung ist. Dabei sollte nichts dabei sein, das uns zu unbekannt ist, nichts besonders neues, keine großen Erkenntnisse über die Welt. Es sollte uns nicht mit Gefahren drohen, nur mit den tröstlich kontrollierten Gefahren des auserwählten Opfers. Es sollte nichts risikoreiches oder mit offenem Ende sein. Kein guter Liturg, Führer oder Hohepriester würde es erlauben, dass die Liturgie neue Wege geht.

Dadurch dass wir uns nicht in der „major dissimilitudo“ aufhalten, reduzieren wir z. B. die Ereignisse der Karwoche oft genug zu einem tröstlichen Ausdruck eines ewigen Wiederkehrens. Ich möchte hier einmal in den Raum stellen, dass die Wahre Anbetung aus den Ereignissen der Karwoche her resultiert, und zwar als gänzlich untröstlicher, gänzlich zufällig, gänzlich kreativer, gänzlich offener, gänzlich verletzlicher und risikoreicher Akt der menschlichen Vorstellungskraft, bei dem Symbole und Formen aufgenommen und auf völlig neue und einzigartige Art neu geschmiedet werden, wodurch sie einen Ausweg aus der opfernden Welt des Todes und der Gewalt bieten und etwas auf eine Art eröffnen, die ich nur als „mit scharfen Kanten“ versehen beschreiben kann. Es ist eine merkwürdige Kombination des Zufälligen, des Mutigen, des noch nicht Vorgestellten, der Offenbarung, des noch nicht Klaren oder des Eingebundenen, das sich außerhalb aller normalen Formen der tröstlichen, normalen Anbetung befindet, und es ist die Qualität der „scharfen Kanten“, die eine der Dinge ist, die man sich am schwierigsten vorstellen kann und weiterhin zum Leben erwecken kann. Für mich gehört dies zum Hervorbringen der Neuen Schöpfung, etwas, von dem wir noch nicht wissen, wie es aussehen wird. Und wir sind von dem, der es inaugurierte eingeladen, mit ihm zusammen an ihrem Werden zu arbeiten. Es ist diese scharfe Kante der kreativen Vorstellungskraft in Mitten des Zufälligen, die mir eine der unabdingbaren Qualitäten der Wahren Anbetung ist, und eine, der am schwersten zu erlernenden und durchzuführenden.

Und so möchte ich mit einer Geschichte schließen, von der ich glaube, dass sie die Elemente der Wahren Anbetung in einer gewalttätigen Welt illustriert. Es ist eine Geschichte aus Chris Hedges Buch War is a force that gives us meaning [3], (der Krieg ist eine Sinn gebende Kraft), ein Buch, das ich bei der Vorbereitung dieses Vortrags als besonders hilfreich empfand. Hedges, ein Kriegskorrespondent im bosnischen Krieg, erzählt von einem Gespräch mit den Soraks, einem bosnischen serbischen Ehepaar in einer hauptsächlich muslimischen Enklave. Das Paar war der nationalistischen Propaganda der bosnischen serbischen Führungsriege gegenüber weitgehendst indifferent geblieben. Als die Serben aber mit dem Bombardement ihrer Stadt Gorazde begannen, zeigte sich die muslimische Führerschaft der Stadt ihnen gegenüber immer feindseliger und letztendlich verloren die Soraks ihre zwei Söhne an die muslimischen Streitkräfte. Einer ihrer Söhne wäre in nur einigen Monaten zum ersten Mal Vater geworden. Die Situation in der belagerten Stadt verschlechterte sich und in Mitten dieses Chaos brachte Rosa Soraks verwitwete Schwiegertochter ein Mädchen zur Welt. Aufgrund der Nahrungsmittelknappheit starben alte Menschen und Kleinkinder in Scharen und nach kurzer Zeit begann auch dieses Baby, das nur Tee zu trinken hatte, immer schwächer zu werden. Gleichzeitig hielt ein ungebildeter Bauer an der Ostseite Gorazdes, Fadil Fejzic, eine Kuh, die der immer nur nachts melkte, um so die serbischen Scharfschützen zu vermeiden. Als das Baby bereits fünf Tage lang nur Tee getrunken hatte, kurz vor der Morgendämmerung, erschien Fejzic mit einem halben Liter Milch für das Baby vor der Tür. Er weigerte sich, Geld anzunehmen. Er kam 442 Tage lang jeden Tag mit Milch wieder, bis die Schwiegertochter und die Enkelin sich auf den Weg nach Serbien machten. Während der ganzen Zeit sprach er nie ein einziges Wort. Andere Familien in der Straße begannen, ihn zu beschimpfen und sagten, er solle seine Milch an Muslime geben und den Chetnik (der Schimpfname für die Serben) sterben lassen. Aber er gab nicht nach.

Später zogen die Soraks weg und verloren den Kontakt mit Fejzic. Aber Hedges ging und suchte nach ihm. Die Kuh war vor Ende der Belagerung für ihr Fleisch geschlachtet worden und Fejzic war selbst in Not geraten. Hedges aber berichtet [4]:

Als ich im sagte, ich hätte die Soraks gesehen, leuchteten seine Augen auf. „Und das Baby? fragte er, „wie geht es ihr?

Das ist für mich ein Zeichen der Wahren Anbetung: Nicht nur die völlige Unbekümmertheit um seinen guten Ruf innerhalb seiner eigenen Gruppe, nicht nur die Weigerung, die Lügen über die Verachteten zu glauben, deren Schuld alles sein sollte, nicht nur der tägliche Gang, vierzehntägig Monate lang, durch die Morgendämmerung, mit der Milch, bevor die Scharfschütze gut genug sehen konnten, um zu schießen. Sondern das Aufleuchten der Augen bei dem Gedanken an das Baby, in dessen scharfkantiger Schöpfung er selbst eine Rolle gespielt hatte. Mein Versuch, mit Ihnen in der „major dissimilitudo“ zu verweilen, flößt mit auch etwas Furcht ein. Die Furcht, dass die Wahre Anbetung in einer gewalttätigen Welt, die um uns herum geschieht, insbesondere von denen unbeachtet bleibt, die ein besonders starkes Interesse an der Anbetung und der Liturgie haben, und die daher ganz besonders leicht den Attraktionen der „similitudo“ verfällt und dem gegenüber, für das sie ein Zeichen sein soll, blind wird. Ich bitte Sie darum, gemeinsam mit mir zu beten, dass unsere Überlegungen und unsere Liturgien Teil unserer Einführung in unseren Platz an der scharfen Kante der Schöpfung und unserer Rolle am Aufleuchten der Augen werden, auch während wir uns im Zweifel mit Händen und Füssen dagegen wehren.

Endnotes

[1] Denzinger/Schonmetzer 806.

[2] Und natürlich ist dies etwas, was für Menschen, die in der Tat zu Opfern gemacht wurden, besonders delikat: Wenn sie ihre eigenen Erinnerungen als Opfer wiederholen und üben, verurteilen sie sich selbst dazu, stets Gefangener dessen zu bleiben, der sie um Opfer machte.

[3] Hedges, Chris. War is a force that gives us meaning. New York: Public Affairs, 2002, S. 50-53.

[4] Ibid., S. 53.

Dies ist ein Vortrag, der am 20 November 2003 in Weston Jesuit, Cambridge Mass. Der allererste Vortrag erfolgte in Ceiliuradh, Christ Church Cathedral, Dublin, Juni 2003.


© 2003 James Alison. Translation by Erika Baker, words4you.co.uk